„Ich dachte nur: Hä?“
Linus’ Weg vom Kinder-Musical bis an die Universität der Künste Berlin

Interviewende: Sebastian Mikolai, Direktor und Theorielehrer von Linus, Dennis Heinrich
Interviewter: Linus Johs
Als sein Name vorgelesen wurde, konnte Linus es zuerst gar nicht richtig begreifen. Hinter ihm lagen mehrere Prüfungstage an der Universität der Künste Berlin: Vorsingen, Schauspielmonologe, Tanzrunden, Improvisation, Musiktheorie, Gespräche mit Dozentinnen und Dozenten – und stundenlanges Warten. Am Ende stand er mit den anderen Bewerberinnen und Bewerbern in einem Halbkreis, während die Studienplätze bekanntgegeben wurden.
Linus:
Eigentlich ging mir gar nichts durch den Kopf. Ich dachte nur: „Hä?“ Ich konnte es gar nicht richtig realisieren. Ich konnte weder weinen noch lachen. Es war eher ein Schockmoment.
Richtig angekommen ist es erst, als ich meine Mutter umarmt habe. Sie hatte unten die ganze Zeit gewartet, während wir oben waren. Als ich sie dann umarmen konnte, sind auch ein paar Tränen geflossen.
Ganz realisiert habe ich es bis heute noch nicht, dass es ab Oktober wirklich losgeht. Ich bin noch nicht einmal mit dem Abi fertig!
Dass Linus heute über Aufnahmeprüfungen, Studienplätze und Traumrollen spricht, begann viele Jahre früher – mit einer Mutter, die eigentlich selbst singen wollte, einem Jungen, der Musicals liebte, und einer Kinder-Musical-Gruppe an der Musik- und Kunstschule.
Sebastian Mikolai:
Du bist schon sehr lange bei uns an der Musik- und Kunstschule. Erinnerst du dich noch an deine erste Stunde?
Linus:
Ich glaube, das müsste in der Kinder-Musical-Gruppe gewesen sein. Genau weiß ich es nicht mehr, aber ich war damals vermutlich in der zweiten Klasse – also etwa 2015.
Sebastian Mikolai:
Es war 2015.

Linus:
Das erste Stück war, glaube ich, Ritter Rost macht Urlaub. Da war ich gleich voll mit dabei und habe auch Ritter Rost gespielt.
Sebastian Mikolai:
Also gleich die Hauptrolle?
Linus:
Ja, gleich die Hauptrolle.
Meine Mutter wusste, dass ich Musicals mag. Wir waren vorher zum Beispiel bei Aladdin, und da habe ich im Publikum wohl nur gestrahlt. Deshalb dachte sie, dass Musical vielleicht genau das Richtige für mich ist. Dann hat sie mich mitgenommen – und es hat mir direkt Spaß gemacht.
Generell begeistert mich diese Mischung aus den drei Bereichen: Gesang, Tanz und Schauspiel. Alles kommt zusammen. Was ich an Musicals besonders faszinierend finde, sind diese synchronen Abläufe: Tänze, Bewegung, Gesang und Schauspiel gleichzeitig. Für mich ist genau diese Verbindung der drei Sparten das, was Musical ausmacht.
Sebastian Mikolai:
Wann wurde dir klar, dass du Musical beruflich machen möchtest?
Linus:
So richtig klar wurde mir das bei Jugend musiziert im Jahr 2024. Die Jurorinnen und Juroren haben mir in allen Runden – Regionalwettbewerb, Landeswettbewerb und Bundeswettbewerb – gesagt, dass ich das unbedingt beruflich weitermachen soll. Sie meinten, sie sehen mich wirklich auf der Musical-Bühne. Da dachte ich: Wenn mir das in allen drei Runden gesagt wird, dann ist das vielleicht wirklich der richtige Weg. Außerdem hat mir das das Gefühl gegeben, dass ich Chancen habe, irgendwo angenommen zu werden.
Vorher hatte ich immer Zweifel, ob ich wirklich gut genug bin. Musical ist ja ein sehr harter Beruf und finanziell nicht unbedingt sicher. Deshalb habe ich vorher schon überlegt, ob ich diesen Weg wirklich gehen soll. Aber nach Jugend musiziert wusste ich es dann ziemlich sicher.
Sebastian Mikolai:
Gab es denn Alternativen?
Linus:
Lehramt war eigentlich immer eine Option – vielleicht Musik und Deutsch, so wie meine Mutter. Für mich war es lange entweder Lehramt oder Musicaldarsteller.
Sebastian Mikolai:
Gibt es aus deiner Sicht eine Fähigkeit, die sich hier an der Musik- und Kunstschule besonders entwickelt hat?

Linus:
Eigentlich alles (lacht). Besonders aber die Präsenz auf der Bühne. Als wir 2015/2016 Ritter Rost gespielt haben, stand ich zum ersten Mal wirklich auf der Bühne. Durch die regelmäßigen Auftritte hat sich das sehr entwickelt. Man ist nicht mehr ganz so aufgeregt und lernt, wirklich präsent zu sein. Außerdem wurde ich hier in allen drei Bereichen ausgebildet. Tanz kam für mich erst in diesem Jahr richtig dazu, das hatte ich vorher nicht so intensiv gemacht.
Ich bin sehr dankbar, dass ich das hier alles machen durfte. Es hat mir auf jeden Fall sehr geholfen.
Vor Auftritten bin ich immer noch aufgeregt. Vor der Prüfung an der UdK war ich zum Beispiel extrem aufgeregt, weil das ein entscheidender Moment war. Durch die Regelmäßigkeit hat sich die Aufregung aber abgeschwächt. Ganz weg geht sie wahrscheinlich nie. Ich glaube, auch professionelle Musicaldarsteller sind vor Auftritten noch aufgeregt – vor allem vor Premieren.
Zur Entwicklung gehörten auch schwierige Rollen und lange Probenprozesse. Besonders in Erinnerung geblieben ist Linus die Arbeit an Brad in The Rocky Horror Show.
Linus:
Zuerst war ich im Ensemble dabei. Später gab es einen Rollenwechsel, und Victoria und ich haben Brad und Janet gespielt. Vorher hatte René die Rolle gespielt, und er hatte das sehr gut gemacht. Da wollte und sollte ich natürlich irgendwie herankommen.
Ljudmila Rehberg musste mit mir schon sehr hart daran arbeiten. Es hat gedauert, bis ich wirklich in der Rolle war und sie möglichst authentisch spielen konnte.
Auch gesanglich war viel Ausdauer nötig. Ein Beispiel ist „Für Sarah“ aus Tanz der Vampire, das Linus später bei Jugend musiziert sang.
Linus:
Da ging es viel um Atemtechnik, Stütze und Gesangstechnik – gerade bei den hohen Tönen. An einem Jugend musiziert-Programm haben wir mit den Songs bestimmt anderthalb bis zwei Jahre gearbeitet, bis es wirklich wettbewerbstauglich war.
Sebastian Mikolai:
Unabhängig von der Musik, denkst du, die Musik- und Kunstschule hat dich auch in deiner persönlichen Entwicklung voran gebracht?
Linus:
Ich glaube schon, dass ich hier mutiger geworden bin – auch in anderen Situationen im Leben. Außerdem habe ich hier viele Menschen kennengelernt. Diese freundschaftlichen Beziehungen und die Begegnung mit unterschiedlichen Persönlichkeiten haben mich geprägt. Auch der Kontakt zu Frau Rehberg, zu Herrn Lentz, zu Frau Wilke und zu den Leuten aus der Gruppe war sehr wichtig für mich.
Sebastian Mikolai:
Gibt es eine Rolle oder ein Projekt, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Linus:
Die erste Rolle bleibt natürlich besonders im Gedächtnis: Ritter Rost. An ein paar Lieder kann ich mich sogar noch erinnern. Professor Higgins aus My Fair Lady war auch besonders. Daran musste ich sehr lange arbeiten, weil ich damals gerade im Stimmbruch war. Die Songs mussten wir deshalb teilweise in eine Art Sprechgesang oder Sprechtext umwandeln. Außerdem ist mir Colin Bennett aus Los Angeles 1982 in Erinnerung geblieben. Diese Rolle fand ich auch sehr cool.
Zu den größten Bühnenmomenten zählt Linus nicht nur Auftritte in der Musik- und Kunstschule. Besonders eindrucksvoll war für ihn auch eine internationale Erfahrung mit den Young Voices, dem Landesjugendpopchor Brandenburg in Trägerschaft des Verbands der Musik- und Kunstschulen Brandenburg e. V.
Linus:
Wenn ich aber speziell an die Musik- und Kunstschule denke, dann würde ich das „Rock, Pop, Jazz Konzert“ nennen – vor allem, als ich es gemeinsam mit Elvis moderiert habe. Das war einfach cool auf der großen Bühne in den Uckermärkischen Bühnen.
Außerhalb der Musikschule war es wahrscheinlich der Auftritt mit den Young Voices in Istanbul bei einem Vocal-Festival im letzten Sommer. Wir sind dort in einem riesigen Theater aufgetreten. Ich weiß nicht genau, wie viele Leute hineingepasst haben, aber es war deutlich größer als hier – vielleicht 1.500 Plätze.
Auch andere Projekte außerhalb der Musik- und Kunstschule gaben Linus Einblicke in das, was ihn später erwarten könnte. So besuchte er eine Workshop-Woche an der Stage School in Hamburg.
Linus:
Für mich war schon klar, dass ich dort nicht studieren möchte, weil die Ausbildung nur drei Jahre dauert und sehr teuer ist. Aber die Erfahrung war trotzdem sehr wertvoll, weil ich einen Einblick in den Alltag bekommen habe.
Wir hatten von Montag bis Sonntag vormittags Tanz und nachmittags Schauspiel und Gesang. Am Ende der Woche haben wir ein kleines Musical aufgeführt, das wir gemeinsam erarbeitet hatten. Dadurch konnte ich mir gut vorstellen, was mich später im Studium erwartet. Außerdem habe ich dort andere Leute kennengelernt, neue Freundschaften geschlossen und mit interessanten Dozentinnen und Dozenten gearbeitet. Daraus nimmt man viel mit.
Der Weg an die UdK Berlin war anspruchsvoll. Schon die Bewerbung verlangte ein umfangreiches Repertoire: Musicalszene, Songs, Schauspielmonologe und Tanzchoreografien.
Linus:
Zuerst musste ich mich online bei der UdK bewerben und mein Repertoire einreichen: Songs, Schauspielmonologe, eine Musicalszene und Tanzchoreografien. Nach der Bewerbungsfrist bekam ich meinen Termin für die Vorauswahl am 31. März.
Dort präsentierte ich vor einer großen Kommission Gesang, Schauspiel und Tanz. Am Abend wurde bekanntgegeben, wer weiterkommt – von etwa 27 Bewerberinnen und Bewerbern waren es nur vier, und ich war dabei.
Die Endrunde fand vom 10. bis 12. April statt. Es gab Gruppenprüfungen in Tanz, Jazz, Ballett und Schauspielimprovisation sowie Einzelprüfungen in Gesang, Theorie und Gehörbildung. Außerdem führte die Kommission persönliche Gespräche, um zu sehen, ob wir uns mit dem Studium und seinen Anforderungen auseinandergesetzt hatten.
Am letzten Tag mussten alle noch einmal im Unitheater singen. Gegen 12 Uhr waren wir fertig und mussten bis 18:45 Uhr warten. Am Ende standen wir in einem Halbkreis, und der Vorsitzende der Prüfungskommission hat nacheinander die Namen vorgelesen. Als mein Name vorgelesen wurde, konnte ich es kaum glauben. Dass es direkt beim ersten Versuch geklappt hat, war für mich sehr surreal und schön.
Sebastian Mikolai:
Das ist unheimlich spannend, gerade wenn man bedenkt, dass man sich für viele andere Studiengänge einfach einschreibt. Hier steht ein Prozess von elf Jahren Vorbereitung, ein hartes Auswahlverfahren und eine intensive Prüfung dahinter.
Linus:
Am Ende gehörten wir zu den ausgewählten Neuen aus vermutlich rund 200 Bewerberinnen und Bewerbern. Ich weiß nicht genau, ob vorher schon aussortiert wurde oder ob alle eingeladen wurden, aber ungefähr 200 waren es wohl.
Vorbereitet hat Linus sich vor allem an der Musik- und Kunstschule. Die Studienvorbereitende Ausbildung in Musiktheorie, Gesang, Tanz, Klavier und die Arbeit in Korrepetitionsstunden bildeten für ihn die Grundlage.
Linus:
Ich habe natürlich auch selbst etwas gemacht, aber ich würde sagen, 80 bis 90 Prozent der Vorbereitung liefen über die Musik- und Kunstschule. Ich war fast jeden Tag hier: Musiktheorie, Tanz, Einzelgesang, Musical, Klavier.
Die Musik- und Kunstschule bietet auch viele Möglichkeiten: Räume mit Klavier oder Flügel, die Arbeit mit Julian Lentz als Korrepetitor und die verschiedenen Unterrichtsbereiche. Zu Hause habe ich mich manchmal eingesungen, Texte wiederholt oder die Choreografie geübt. Aber der Hauptteil der Vorbereitung fand hier statt.
Sebastian Mikolai:
Das klingt so, als könnte man es ohne Musik- und Kunstschule kaum schaffen.
Linus:
Ich glaube, es ist sehr schwierig, wenn man einfach nur denkt: „Ich probiere das mal.“ Die meisten, die angenommen werden, haben vorher viele Jahre an einer Musikschule oder in einem ähnlichen Bereich gearbeitet.
Sebastian Mikolai:
Hattest du jemals Probleme mit der Motivation oder Selbstzweifel?
Linus:
Nach den ersten Tanzstunden hatte ich vielleicht einen kleinen Durchhänger. Wenn man sich selbst auf Videos tanzen sieht, ist man ja oft der größte Kritiker. Am Anfang fand ich, dass es gar nicht gut aussah und dass ich kaum Fortschritte machte. Sandrine Battut hat zwar gesagt, dass man schon einen riesigen Unterschied zur ersten Stunde sieht, aber ich selbst war da sehr kritisch. Trotzdem gab es nie einen Moment, in dem ich dachte, dass es nicht das Richtige für mich ist.
Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich gut genug bin. Auch während der Aufnahmeprüfung oder vor der Verkündung dachte ich: Da sind so viele gute Leute. Man braucht auch Glück, um angenommen zu werden. Aber man darf den Glauben nicht aufgeben. Am Ende hat es geklappt.
Sebastian Mikolai:
Worauf freust du dich am meisten im Studium?
Linus:
Ich freue mich besonders darauf, meine Mitstudierenden kennenzulernen. Während des Auswahlprozesses haben wir voneinander gar nicht so viel mitbekommen, weil vieles Einzelarbeit war. Wir haben schon eine WhatsApp-Gruppe gegründet, und ich freue mich darauf, mit den anderen in Kontakt zu kommen.
Außerdem freue ich mich auf die Arbeit mit den Dozentinnen und Dozenten. Sie haben alle einen sehr netten Eindruck gemacht. Ich glaube, vor allem auf Tanz, Ballett und Jazz freue ich mich. Das ist für mich noch der frischeste Bereich, und ich freue mich darauf, mich dort weiterzuentwickeln. Gesanglich wünsche ich mir an großen Musical-Songs zu arbeiten.
Konkrete Traumrollen hat Linus bereits im Kopf.
Linus:
Cool wäre auf jeden Fall Fiyero aus Wicked. Außerdem Kristoff oder Hans aus Die Eiskönigin, Evan Hansen aus Dear Evan Hansen oder Rusty aus Starlight Express. Bei Starlight Express finde ich es spannend, auf Rollschuhen zu fahren.
Generell wäre es ein Traum, irgendwann bei Stage Entertainment auf der Bühne zu stehen – in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder an einem anderen großen Musicalstandort in Deutschland.
Sebastian Mikolai:
Was bedeutet dir die Musik- und Kunstschule Schwedt persönlich?
Linus:
Sehr viel. Ohne die Musik- und Kunstschule hätte ich das alles gar nicht erreichen können. Ich weiß nicht, ob ich es an einer anderen Schule genauso geschafft hätte. Hier gibt es sehr gut ausgebaute Bereiche: Gesang, Musiktheater, Musiktheorie, Klavier und vieles mehr. Die Musicalgruppe ist groß und auch stadtweit bekannt.
Außerdem gibt es hier sehr gute Lehrkräfte. Die Musik- und Kunstschule bedeutet mir sehr viel, weil sie mich sehr unterstützt hat.
Vieles werde ich vermissen. Die Menschen und die Lehrkräfte – ganz besonders Frau Rehberg. Sie war die Erste, mit der ich hier wirklich zu tun hatte, und sie hat mich von Anfang bis Ende begleitet. Sie ist auch sehr traurig, dass es jetzt bald vorbei ist. Die Gala wird das Letzte sein, was wir hier gemeinsam machen.
Ich werde die Auftritte mit der Musicalgruppe vermissen. Gleichzeitig freue ich mich natürlich darauf, etwas Neues kennenzulernen.
Dass es Berlin geworden ist, ist wirklich ideal. Zum einen, weil es direkt beim ersten Mal geklappt hat, und zum anderen, weil die UdK eine sehr gute Universität mit einem guten Ruf ist. Außerdem ist Berlin nicht so weit von zu Hause entfernt. Das ist mir auch wichtig.
Zum Schluss hat Linus noch einen Rat für jüngere Schülerinnen und Schüler, die selbst einen künstlerischen oder musikalischen Weg einschlagen möchten.
Linus:
Egal, was man sich in den Kopf setzt: einfach ausprobieren und mit voller Leidenschaft dabei sein.
Wenn man ein Ziel hat und später musikalisch oder künstlerisch arbeiten möchte, sollte man dranbleiben. Man sollte die Möglichkeiten hier nutzen – zum Beispiel Talentförderung und Studienvorbereitende Ausbildung. Das hilft wirklich sehr.
Man sieht ja auch an anderen, dass es funktionieren kann. Deshalb: an seinen Träumen festhalten, daran glauben und mit Leidenschaft dabei sein.
Sebastian Mikolai:
Herzlichen Dank für deine Zeit!
Linus:
Sehr gerne.
